interview

„Es ist eine Stadtaufgabe, Wege zu finden, wie alle Kinder in den Sport kommen!“

Vor genau fünf Jahren startete eine Initiative in der Hauptstadt und eroberte die ganze Bundesrepublik im Sturm: SPORT VERNETZT erschien 2021 auf der Landkarte und ist heute von den Kids in vielen Nachbarschaften nicht mehr wegzudenken. In 75 Städten, 130 Quartieren machen wöchentlich rund 23.000 Kinder dank dieser Initiative Sport. Tendenz steigend! Ein Gespräch mit den Initiatoren Igor Ryabinin und Henning Harnisch mit einem Blick zurück und nach vorne. 

Was wünscht Ihr euch für die Zukunft von SPORT VERNETZT?

Ein Audioschnipsel von Igor Ryabinin und Henning Harnisch aus dem Interview

Henning, Igor, habt Ihr heute schon eine bewegte Pause gemacht?

Henning Harnisch: Ja! Ich habe ein Treffen mit unserer Kollegin Judith heute als Spaziergang gemacht. Da hat sich mal wieder gezeigt, wenn man ein bisschen unkonventioneller über Sachen nachdenkt, bringt es ganz oft gute Resultate. Man redet einfach gut, wenn man läuft…

Igor Ryabinin: Ich bin zwar mit dem Rad zur Arbeit gefahren und habe am Schreibtisch auch mal zwischen Sitzen und Stehen gewechselt, aber kann nicht von einer bewegten Pause sprechen. Vielleicht aber mache ich heute Abend noch Vereinssport.

Dann habt ihr also im Sinne des Bewegungsbands schon einige Sachen in die Tat umgesetzt.

Henning Harnisch: Ja, wobei es bei mir eher bewegter Unterricht als eine bewegte Pause war…

Fünf Jahre SPORT VERNETZT, wenn ihr heute an den Anfang zurückdenkt, woran erinnert ihr euch?

Igor Ryabinin: Ich erinnere mich auf jeden Fall an Fragmente… Es war eine Ausnahmesituation mit Corona und wir haben uns dem Auftrag angenommen, andere Orte in Deutschland zu begeistern, sich für benachteiligte Kinder im Sport zu engagieren. Das war so eine Zeit, in der man viele Leute online kennengelernt hat, alle waren offen und es herrschte eine richtig positive Aufbruchstimmung. Ganz im Gegensatz zur sonstigen Lage. Und: alles war sehr klein und überschaubar.

Henning Harnisch: Ich glaube, wir würden es heute wieder so machen. Sich erst einmal zu Fragen, wen man kennt im Basketball und im Sport und die Leute dann mit der Idee anzupieken, war schon die richtige Art und Weise loszulegen. Der Anfang bestand viel aus Energie, Kontakten und Dialog.

Gutes Stichwort. Beim ersten SPORT VERNETZT Summit in Berlin gab es eine spezielle Energie. Was ist davon noch da?

Henning Harnisch: Ich hatte beim ersten Summit Corona, weiß aber noch, dass wir mit sehr viel Energie da reingegangen sind. Schöne, produktive Veranstaltungen zu organisieren, mit einer guten Stimmung ist eine Stärke von uns, die wir weiter verfolgen werden. 

Igor Ryabinin: Es ist noch viel Energie da und die ist auch eine Besonderheit und ein zentraler Erfolgsfaktor unserer Arbeit. Nur, weil man etwas schon 5 Jahre macht, heißt es nicht, dass es nicht besonders ist. Diese Energie war beim ersten Summit da, aber unsere Treffen in diesem Jahr, z.B. im Ganztagsgrundschul-Netzwerk in Hannover oder auch mit den BBL-Clubs in Bamberg, waren auch besonders. 

Was ist die die größte Herausforderung?

Igor Ryabinin: Die größte Herausforderung ist, dass wir uns ganz explizit dem Thema Systemveränderung verschrieben haben. Das ist groß gedacht und von Faktoren abhängig, die wir nicht beeinflussen können. Die Strukturen auf Landesebene so zu verändern, dass Kinder besser in den Sport kommen, dass Schulen Orte des Sports werden und dafür bereit sind, das ist ein Schlüsselmechanismus, um SPORT VERNETZT richtig durchzusetzen.

Henning Harnisch: Ich glaube, es ist immer eine Kopplung von beidem und das ist eine Herausforderung. Einerseits in größerem Maßstab darüber zu reden, gleichzeitig aber auch immer Orte im Kopf zu haben, wo Leute kleine einfache Sachen umsetzen, sie zu unterstützen und im Dialog zu bleiben. Beides ist wichtig und das eine darf nicht das andere verhindern.

Fotos: Florian Ullbrich, Deff Westerkamp, Ellen Kallscheuer, Jan-Rasmus Lippels

Ging es von Anfang an darum, Veränderungen im Sportsystem zu bewirken?

Henning Harnisch: Bei uns, bei ALBA, waren Schulpartnerschaften die Grundlage für die Arbeit. Und da geht es darum, wie bekommt man das noch klüger hin. Da ist die Ganztagsschule der Schlüssel und der Frage nachzugehen, wie wir Schul- und Vereinssport neu denken müssen, um durch die Ganztagsschule Perspektiven zu schaffen. 

Igor Ryabinin: Was mir aufgefallen ist, wir sind am Anfang mit einer These gestartet, „Benachteiligte Kinder brauchen Zugänge zum Sport“. Und in den letzten Jahren wurde das auch noch einmal beforscht und statistisch belegt. Die Hälfte der Kinder kommt in den Sportverein, die andere Hälfte aber nicht. In Brennpunkten sind es eher drei Viertel der Kinder, die nicht in den Sport kommen. Für die gibt es keine Lösung, die deutschlandweit oder strukturell greift.

Gab es einen speziellen Punkt, an dem ihr gemerkt habt, in diese Richtung muss es jetzt weitergehen?

Igor Ryabinin: Wir haben unsere Arbeit in einem Schuljahreszyklus angelegt und treffen uns zum Ende des Jahres immer zur Klausur und reflektieren was gut lief und was wir anders machen müssen. Das halten wir auch schriftlich fest, um unsere Geldgeber über unseren Stand zu informieren. Gerade sind wir dabei, einen großen Evolutionsschritt zu gehen. In SPORT VERNETZT 2.0 wollen wir in jedem Bundesland eigene Sozialunternehmen gründen, die dann die Initiative im Bundesland umsetzen. 

Henning Harnisch: Wir haben gemerkt, dass es Sportvereine, die wie wir arbeiten, nicht zuhauf gibt. Ganz viele fitte haben wir jetzt dabei. Wir haben mehr Verständnis dafür entwickelt, dass ein logischer nächster Partner die Grundschule ist. Da haben wir mit der Robert Bosch Stiftung einen wichtigen dritten Partner dabei, der uns hilft, herauszufinden, wie wir mit Schulen arbeiten können.

Was sind Eure Wünsche und Überlegungen für die Zukunft von SPORT VERNETZT?

Igor Ryabinin: Es ist wichtig, von der Zielgruppe her zu denken, um die es letztendlich geht: Kinder, die sonst nicht in den Sport finden. Mein Wunsch ist es, dass wir es wirklich relevant schaffen, Kindern ein Aufwachsen in einem Umfeld zu ermöglichen, das ihnen den Weg zeigt. Dabei hängt viel von der Verwaltung ab. Leute, die an strukturellen Schalthebeln sitzen, müssen die Problemlage anerkennen und uns dabei unterstützen, es zu lösen. 

Henning Harnisch: In jeder Stadt gibt es Gebiete, in denen Kinder nicht so privilegiert aufwachsen. Es ist als Stadtthema noch nicht erkannt, was es heißt, wenn diese Kinder viel seltener in den Sport reinwachsen. Es ist eine Stadtaufgabe, das anzugehen. Wie schafft man es, dass die Leute Bewusstsein dafür in der Stadt, in den Sportvereinen, in den Bildungsorten entwickeln? Da sind wir auf einem guten Weg, aber es kann noch viel stärker werden. Perspektivisch ruft auch alles nach einer Allianz von Sport und kultureller Bildung. Das ist ein ähnlicher Zugang und ich glaube, auch da kann man viel mehr gemeinsam bewirken. 

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