interview

„Qualitativ gute Arbeit ist wichtig für einen langfristigen Zugang von Kindern zum Sport.“

Ludwig Voß (33 Jahre) ist der Neue in der SPORT-VERNETZT-Zentrale in Berlin. Er war zuletzt im Leistungszentrum des SV Werder Bremen für die Kindersport- und Kinderfußball-Entwicklung verantwortlich. Voß übernimmt die sportlich-inhaltliche Verantwortung für SPORT VERNETZT und gemeinsam mit Vertreter:innen des Kinder- und Jugendbereichs von ALBA BERLIN die vereinseigene Sportidee in das deutschlandweite Netzwerk tragen. Zudem beschäftigt sich der Diplom-Betriebswirt (Schwerpunkt Sport) mit der Qualitätssicherung.

Ludwig, wie bist Du als Kind zum Sport gekommen?

Bei mir war es tatsächlich der Bolzplatz, der an unser Gartentor grenzte. Da war der Reiz so groß, dass ich früh gesagt habe, da möchte ich hin. Dort und später in den Sportvereinen habe ich eine Leidenschaft gefunden, die mich bis heute prägt.

Wo war das und wie bist Du dann in den Verein gekommen?

Ich bin in einem kleinen Vorort von Freiburg im Breisgau aufgewachsen. Neben dem Bolzplatz war dann auch gleich die Grundschule. Auf dem Platz haben wir uns immer mittags getroffen und dann Fußball gespielt. Manche hatten coole Trikots an. Einer war dabei, mit einem Trikot vom VfR Merzhausen. Deshalb bin ich irgendwann zu meiner Mutter und hab gesagt, dass ich auch so eins möchte und so bin ich dann mit vier Jahren in den Verein gekommen und hab dort bis zum Herrenteam gespielt. 

Du hast also lange in deiner Freizeit Sport gemacht, wie ist der Sport zu Deinem Beruf geworden?

Mein Vater ist im Forst tätig. Er hat uns Kindern früh mitgegeben herauszufinden, was uns Spaß macht, worin wir aufgehen und uns dann auch angespornt zu versuchen, diesen Weg zu verfolgen. Bei ihm war es der Wald, bei mir der Sport. Schon in der Grundschule habe ich in mein Zukunftsbuch geschrieben, dass ich später mal im Sport arbeiten möchte. Ich war zuerst Trainer, das hat mir schon großen Spaß gemacht. Als ich mein Studium in Greifswald absolviert habe, kamen Praktika beim F.C. Hansa Rostock, einer Fußballschule in Südafrika (AMANDLA Edu Football e.V.) und beim Sport-Club Freiburg dazu und dort habe ich auch meine Diplomarbeit geschrieben. Dann gab’s schon keine Wahl mehr... 

Fotos: Deff Westerkamp

Wie bist Du beim SV Werder Bremen gelandet?

Auf einer Trainerschein-Ausbildung zum Fußballtraining mit beeinträchtigten Kindern in Basel habe ich einen Kollegen von Werder Bremen kennengelernt. Er erzählte mir davon, dass sie gerade eine Stelle zu Kita- und Schulkooperationen ausschreiben. Das war genau das Handlungsfeld, das ich mir zum Einstieg vorstellen konnte. Ich habe mich beworben und bin glücklicherweise vor sieben Jahren dort gelandet.

Was waren eure Prämissen in der Arbeit bei Werder?

Wir haben die schon seit 2002 existierenden Aktivitäten zu einem sozialraumorientierten Sportansatz entwickelt, dem sogenannten SPIELRAUM-Konzept. Bei der Entwicklung haben wir darauf geachtet, dieses sowohl mit dem Breitensport als auch Leistungssport zu verknüpfen.

Gute, qualitativ hochwertige Angebote sind ja auch genau das Thema für SPORT VERNETZT. Warum bist du hier, was willst du erreichen?

Ich habe während meiner Arbeit bei Werder gemerkt, wie wichtig qualitativ hochwertige Angebote sind, um einen langfristigen Zugang zum Sport für Kinder zu ermöglichen. Es reicht nicht aus, ein Sportangebot einfach bereitzustellen. Ein Kind entwickelt letztlich Freude am Sport, wenn es Zugang zu einem Angebot hat, das einen hohen Aufforderungscharakter hat, eine gewisse dauerhafte Aktivität erfordert, Erfolgserlebnisse und Selbstentfaltung ermöglicht und natürlich vorrangig erst einmal auch großen Spaß macht.

Kannst Du ein paar einfache Parameter für qualitativ gute Sportangebote nennen?

Einer ist auf jeden Fall Aktivität und Intensität. Ein gewisses Maß an Anstrengung muss da sein, bei dem ich spüre, dass ich auch Sport mache bzw. mich bewege. Dann sind es auch die angesprochenen Erfolgserlebnisse. Das heißt nicht, gewinnen oder verlieren, sondern möglichst viele Aktionen zu haben zum Beispiel, bei denen ich mich ausprobieren kann und merke, was ich selbst kann. Die Begleitung durch einen Coach spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, um diese Erlebnisse reflektieren zu können. Im Mittelpunkt aber steht der Spaß. Dafür braucht man ein Umfeld, das mir als Individuum Selbstentfaltung, Kreativität und Ausprobieren in der Gemeinschaft ermöglicht.

Foto: SV Werder Bremen

Was waren denn deine ersten Schritte in Berlin?

Für mich geht es zu Beginn darum, den Grundlagenbereich, den Vereinssport, die unterschiedlichen Personen, die sowohl an Bildungsorten arbeiten als auch im Vereinskontext aktiv sind, kennenzulernen und den sportlich-inhaltlichen Ansatz in seiner Tiefe bestmöglich zu durchdringen. Darüber hinaus ist es mir wichtig, auch direkt in die Sportart Basketball tiefer einzusteigen. Deshalb absolviere ich mehrere Basketball-Trainerlizenzen. Das macht total Spaß, weil man einerseits Bezüge zur Ausbildung in anderen Sportarten ziehen kann, andererseits viele Personen aus dem Grundlagenbereich näher kennenlernt und gemeinsam Ideen zur Weiterentwicklung des Kindersports entwickelt. Als Folgeschritt ist es mir ein wichtiges Anliegen, die Verzahnung zwischen unserer Vereinsarbeit bei ALBA und an den Bildungsorten, mit den SPORT-VERNETZT-Aktivitäten in ganz Deutschland zu stärken und auszuweiten. Wir möchten die Ideen, die hier wirklich gut laufen, erprobt sind und von denen wir überzeugt sind, so multiplizieren, dass sie möglichst viele Standorte in Deutschland für sich nutzen und umsetzen können. 

Worauf stützt du dich dabei?

Das Fundament meiner Rolle ist unsere Ausbildungsidee. Wir wollen sie im Altersbereich drei bis zwölf Jahre so niederschwellig entwickeln und dokumentieren, dass sie multipliziert werden kann und anwendbar ist. Immer mit dem Ziel, (mehr) Kinder in das Sportsystem bringen zu können. Die Multiplikation passiert auf verschiedenen Wegen. Dafür spielt beispielsweise die ALBAthek eine wichtige Rolle. Sie ist eine Digitalplattform, die ein breites Portfolio an Praxisideen liefert, wie multisportive Bewegung mit Kindern aussehen kann. Gleichzeitig wollen wir aber das Thema auch durch Präsenzfortbildungen in unseren Clustern greifbar machen, Austauschformate anbieten, die Leute aus dem Sport zusammenbringen. Dafür werden wir auch sportlich-inhaltliche Zugpferde mit ins Boot holen. Da spielen Proficlubs, Verbände und Universitäten eine wichtige Rolle. Das Ziel ist, Qualitätsstandards zu entwickeln, die sich einfach übersetzen, implementieren und überprüfen lassen. 

Gibt es ein konkretes Ziel für Dich?

Ja! In zehn Jahren hat jedes Kind in Deutschland im Altersbereich zwischen drei und zehn Jahren im Ganztag täglich Zugang zu einem qualitativ hochwertigen Sportangebot, dass sowohl im Breiten- oder Leistungssport enden kann.

Fotos: Deff Westerkamp

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Foto: SV Werder Bremen